|
Die gegenwärtige Wirtschaftskrise hat die Diskussion um freie Märkte, die ökologischen Herausforderungen, den Kampf um Ressourcen, die unkontrollierte Aufblähung der Geldmenge, das Auseinanderdriften von Arm und Reich, den Konflikt der Kulturen kurz: die Zukunft des Kapitalismus angeheizt. Doch wie wird die Umgestaltung aussehen? Heilswörter dienten schon immer als Richtschnur unserer Existenz. Ein solches Heilswort ist seit Jahren der Begriff Innovation. Besonders in Begleitung seiner attraktiven Schwester, der Kreativität, und des populären Bruders, der Nachhaltigkeit, entfaltet der Begriff eine ganz besondere Faszination. Innovation plus Kreativität plus Nachhaltigkeit stehen für eine glorreiche Zukunft und permanentes Wirtschaftswachstum.
Je dringender Innovationen aber herbeigesehnt werden, umso bedenklicher scheint es um den Zustand einer Gesellschaft und der reifen Märkte bestellt zu sein. Der Begriff zeugt also einerseits von der Not, dass es nicht so weiter gehen kann, wie es läuft, und er bringt andererseits die Hoffnung zum Ausdruck, dass es anders laufen muss, wenn es weitergehen soll. Der Direktor des Bonner Institutes für Wirtschaft und Gesellschaft, Meinhard Miegel, kanzelte erst unlängst alle Wachstumsphantasien als „Hirngespinste“ ab, weil sie „nicht Grundlage einer nachhaltigen Politik“ sein könnten. Immerhin glaubt Miegel noch, dass wir mit einer streng an Nachhaltigkeit ausgerichteten Politik die strukturellen Probleme in den Griff bekommen könnten. Der Leiter des Forschungsinstitutes für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in Ulm und Mitglied des Club of Rome, Franz-Josef Radermacher, fordert deshalb eine „globale ökosoziale Marktwirtschaft.“ Niko Paech, der am Institut für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspädagogik der Carl von Ossietzky-Universität in Oldenburg lehrt, bezweifelt allerdings, dass sich permanentes Wirtschaftswachstum mit dem Schutz der Umwelt und unserer Lebensgrundlagen vereinbaren läst, auch bei richtigen Innovationen. In der „Zeit“ prognostiziert er eine Ära der „Post-Wachstums-Ökonomie,“ in der wir auf Fernreisen verzichten lernen, wieder selbst Hand anlegen und „wieder mehr Produkte aus der Region kaufen.“
Genau da setzt das Konzept der „Die Zunft AG“ an, die eine „Enzyklopädie der guten Dinge“ guter, wertiger, nachhaltiger und aus regionaler Produktion hergestellter Güter aufbauen will. Seit 2002 existiert dieses Netzwerk für die kritischen Verbraucher. Was erst als Idee einer Handvoll bekennender Genussmenschen belächelt werden konnte, nimmt inzwischen neue Formen an. Die Zunft AG verlässt die virtuelle Welt, um reale, gute authentische Orte aufzubauen. Dazu zählt etwa das Zunftviertel-Konzept auf dem Gelände des Zollvereins, für das das Unternehmen 2007 die Auszeichnung als einer der 365 Orte im Wettbewerb „Deutschland – Land der Ideen“ erhielt. Die Zunftorte wollen nicht nur faire Bedingungen für kleine und mittelständische Hersteller und Dienstleister bieten, sondern „auch den Funktionsverlust der traditionellen Handelsformen“ auffangen. Zollverein soll erst der Anfang sein. Die Zunft AG sucht flächendeckend Standorte für faire Transaktionen. New-worxs sprach mit dem Gründer der Zunft AG und jetzigen Beirat für Strategie Christoph Hinderfeld. nw: Müssen wir zurück ins Mittelalter, um die Zukunft zu meistern? Christoph Hinderfeld: Nein, aber wir müssen uns auf Werte besinnen und wieder die Informationen über Kreisläufe verstehen, die Wirtschaften in der Vergangenheit bestimmt hatten. Globalisierung ist ein Trend, die Regionalisierung eine Gegenbewegung, weil Menschen eben das Bedürfnis nach Information und Vertrauen haben. nw: Was heißt das konkret? CH: Wir waren uns zu lange nicht bewusst darüber, dass unsere Entscheidungen Auswirkungen auf die Strukturen unserer Umgebung und Regionen haben. Egal, welches Produkt Sie nehmen, die Wertschöpfungsketten zeigen, dass viele Produkte nicht mehr aus den Regionen kommen, wofür Marken stehen, sondern da hergestellt werden, wo sie vermeintlich kostenoptimal hergestellt werden können, ohne dass eine wirkliche Transparenz über den Wert dieser Produkte vorliegt. nw: Die Zunft AG orientiert sich an Werten wie Qualität, Erhalt von Produktionswissen und fairen Transaktionen. Was sind faire Transaktionen? CH: Wir verstehen uns als ethisches Unternehmen, das seine Wertschöpfungsstrukturen und Leistungen auch transparent macht. Wenn Sie ein Luxushemd für 140 Euro kaufen und es in seiner Wertschöpfungsstruktur betrachten, dann stellen Sie fest, dass das Hemd häufig aus Vietnam kommt. Die Arbeiterin erhält vielleicht einen Monatslohn von 70 Euro. Der reine Nähwert liegt weit unter 2 Euro. Das ist das, was wir bemängeln. Die Zunft AG schafft Angebote, damit Produkte wieder in der Region hergestellt werden, wo sie gekauft und gebraucht werden.
nw: Wäre das Bauhaus mit seiner Zielsetzung der seriellen Produktion von Qualitätsprodukten als Orientierungshilfe nicht geeigneter als eine mittelalterliche Ständeorganisation? CH: Nein, das eine schließt das andere nicht aus. Was es ausschließt, ist eine Fehlentwicklung, die nicht Produktwerte in der Preisfindung bewertet, sondern Transaktionskosten, die aus spekulativen Märkten entstehen. Wenn man Spitzenmieten bezahlt, dann muss das einfach ins Produkt einkalkuliert werden. Der Handel war in den letzten 20 Jahren gezwungen, eine für mich fast irrationale Zuschlagskalkulation zu entwickeln, die letztlich dazu führte, dass gute Produkte aufgrund der vorherrschenden Pauschalkalkulation überteuert wurden. nw: Was heißt das für Produkte, die in Deutschland hergestellt wird? CH: Gute Hersteller müssen kooperative Lösungen finden und die heißt in diesem Fall Zunft AG. Die Mieten der Zunftorte liegen zwischen 8,5 und 15 €, je nach Fläche, Bedarf und Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig bauen wir ein Multichannel-Vertrieb mit einem Internet basierten TV-Format auf, das über Produktqualität und Verfahrenwissens aufklärt. Verbraucher wollen Produkte sehen und verstehen. Das können sie an Zunftorten in alten Industriekulissen oder spannenden neuen Orten. Folgekäufe können sie von Zuhause tätigen. nw: Derzeit ist ein Kauf aber noch nicht möglich? CH: Wir werden damit im September anfangen. nw: Was unterscheidet die Zunft AG von Versendern wie Manufactum? CH: Wir sind zum einen nicht die Tochter des Otto-Versands und zweitens arbeiten wir mit einem Kooperationsansatz, d.h. bei uns werden Sie best kooperative best practice-Beispiele finden. Da arbeitet die Weinhalle in Nürnberg mit dem guten Küchenkulturanbieter Coledampf’s in Berlin zusammen. Beide haben hohe Kernkompetenz in ihren Bereichen und vor allem eine kundenorientierte Einstellung, sprich sie informieren Verbraucher über die Qualität und Herkunft von Produkten. Das wird, jedenfalls aus unserer Überzeugung, eine der Kernfacetten der zukünftigen Wissensgesellschaft sein. nw: Die Zunftorte liegen in Industriebrachen und sollen Plattform für Handwerk, Dienstleister, Manufakturen und Handel sein. Sind es nicht die Innenstädte, die ein Comeback erleben? CH: Die Zeche Zollverein hat eine Million Besucher im Jahr, damit ist die Antwort schon ein bisschen gegeben. Sie haben derzeit nur keine Verweilangebote. Die Kieze um Zollverein herum sind soziale Brennpunkte. Wenn dort neue Formen von händischen Arbeitsstrukturen entstehen, dann haben viele Menschen etwas davon, die mit ihrer Hände Arbeit Vernünftiges machen. nw: Welche Rolle spielt der kleinflächige Handel in Ihrem Konzept? CH: Tendenziell als Kompetenzpartner von Herstellern. Der regionale Händler kennt die regionalen Strukturen seiner Kunden. Der Vorteil für den Hersteller ist, wenn sich beide als Partner verstehen und nicht als Gegner, die über Konditionen diskutieren. Als ehemaliger Textilunternehmer habe ich den Handel häufig als Gegner des Herstellers empfunden und er hat sich zum Teil auch so verhalten. nw: Sollen es Shops für bestimmte Hersteller sein? CH: Nein, es sind multifunktionale Orte, auch für Unterhaltung, Orte, an denen Geschichten erzählt werden, die den Kontakt zum Produkt ermöglichen. nw: Wer bewertet denn eigentlich die Qualität der guten Dinge? CH: Der Markt selber. Wenn Sie bei uns den Bereich Zunftkompetenzpartner anschauen, dann sehen Sie, dass wir Autoren haben, die sich wirklich in ihren Spezialgebieten auskennen. nw: Sie sprechen die kulturell Kreativen an. Wie hoch schätzen Sie den Anteil dieser Gruppe? CH: Die Studien, die bisher vorliegen, sind relativ eindeutig. Das sind etwa zwischen 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung. Ulrich Texter Weitere Informationen: http://www.die-zunft.de http://www.die-zunft.de
nw: Wäre das Bauhaus mit seiner Zielsetzung der seriellen Produktion von Qualitätsprodukten als Orientierungshilfe nicht geeigneter als eine mittelalterliche Ständeorganisation?
CH: Nein, das eine schließt das andere nicht aus. Was es ausschließt, ist eine Fehlentwicklung, die nicht Produktwerte in der Preisfindung bewertet, sondern Transaktionskosten, die aus spekulativen Märkten entstehen. Wenn man Spitzenmieten bezahlt, dann muss das einfach ins Produkt einkalkuliert werden. Der Handel war in den letzten 20 Jahren gezwungen, eine für mich fast irrationale Zuschlagskalkulation zu entwickeln, die letztlich dazu führte, dass gute Produkte aufgrund der vorherrschenden Pauschalkalkulation überteuert wurden.
nw: Was heißt das für Produkte, die in Deutschland hergestellt wird?
CH: Gute Hersteller müssen kooperative Lösungen finden und die heißt in diesem Fall Zunft AG. Die Mieten der Zunftorte liegen zwischen 8,5 und 15 €, je nach Fläche, Bedarf und Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig bauen wir ein Multichannel-Vertrieb mit einem Internet basierten TV-Format auf, das über Produktqualität und Verfahrenwissens aufklärt. Verbraucher wollen Produkte sehen und verstehen. Das können sie an Zunftorten in alten Industriekulissen oder spannenden neuen Orten. Folgekäufe können sie von Zuhause tätigen.
nw: Derzeit ist ein Kauf aber noch nicht möglich?
CH: Wir werden damit im September anfangen.
nw: Was unterscheidet die Zunft AG von Versendern wie Manufactum?
CH: Wir sind zum einen nicht die Tochter des Otto-Versands und zweitens arbeiten wir mit einem Kooperationsansatz, d.h. bei uns werden Sie best kooperative best practice-Beispiele finden. Da arbeitet die Weinhalle in Nürnberg mit dem guten Küchenkulturanbieter Coledampf’s in Berlin zusammen. Beide haben hohe Kernkompetenz in ihren Bereichen und vor allem eine kundenorientierte Einstellung, sprich sie informieren Verbraucher über die Qualität und Herkunft von Produkten. Das wird, jedenfalls aus unserer Überzeugung, eine der Kernfacetten der zukünftigen Wissensgesellschaft sein.
nw: Die Zunftorte liegen in Industriebrachen und sollen Plattform für Handwerk, Dienstleister, Manufakturen und Handel sein. Sind es nicht die Innenstädte, die ein Comeback erleben?
CH: Die Zeche Zollverein hat eine Million Besucher im Jahr, damit ist die Antwort schon ein bisschen gegeben. Sie haben derzeit nur keine Verweilangebote. Die Kieze um Zollverein herum sind soziale Brennpunkte. Wenn dort neue Formen von händischen Arbeitsstrukturen entstehen, dann haben viele Menschen etwas davon, die mit ihrer Hände Arbeit Vernünftiges machen.
nw: Welche Rolle spielt der kleinflächige Handel in Ihrem Konzept?
CH: Tendenziell als Kompetenzpartner von Herstellern. Der regionale Händler kennt die regionalen Strukturen seiner Kunden. Der Vorteil für den Hersteller ist, wenn sich beide als Partner verstehen und nicht als Gegner, die über Konditionen diskutieren. Als ehemaliger Textilunternehmer habe ich den Handel häufig als Gegner des Herstellers empfunden und er hat sich zum Teil auch so verhalten.
nw: Sollen es Shops für bestimmte Hersteller sein?
CH: Nein, es sind multifunktionale Orte, auch für Unterhaltung, Orte, an denen Geschichten erzählt werden, die den Kontakt zum Produkt ermöglichen.
nw: Wer bewertet denn eigentlich die Qualität der guten Dinge?
CH: Der Markt selber. Wenn Sie bei uns den Bereich Zunftkompetenzpartner anschauen, dann sehen Sie, dass wir Autoren haben, die sich wirklich in ihren Spezialgebieten auskennen.
nw: Sie sprechen die kulturell Kreativen an. Wie hoch schätzen Sie den Anteil dieser Gruppe?
CH: Die Studien, die bisher vorliegen, sind relativ eindeutig. Das sind etwa zwischen 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung.
Ulrich Texter
Weitere Informationen:
http://www.die-zunft.de
© König & Neurath AG 2010, in Zusammenarbeit mit wissenschaft.de | Kontakt | Impressum