10.03.2010 - Design & Architektur

Architektonischer Schwung für die Forschung

Dass die Schweiz jenseits von Schokolade, Uhren und Chalets noch gute Architektur zu bieten hat, ist den meisten bekannt. Schweizer Architekten von Fritz Haller über Peter Zumthor bis Herzog/de Meuron genießen Weltruf. Jetzt haben aber ausgerechnet Japaner das Rolex Learning Center an der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne gebaut – ein Gebäudekomplex, der in seiner architektonischen Einzigartigkeit neue Möglichkeiten des Raumerlebens inszeniert. Das japanische Architekturbüro SANAA gewann im Jahr 2004 den Architekturwettbewerb, im Februar 2010 wurde das Zentrum eröffnet.

Das Rolex Learning Center als Teil der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne beherbergt unter anderem eine der europaweit größten Bibliotheken wissenschaftlicher Literatur mit mehr als 500.000 Bänden. Diese gigantische Sammlung wird ergänzt und verwaltet durch neueste pädagogische Technologien und Informationszugänge. Per RFID (Radio Frequency Identification) können die Medien besonders einfach entliehen werden. Den Studenten steht eine Arbeitszone mit 860 Plätzen zur Verfügung. Außerdem gibt es das CRAFT (Centre de Recherche et d'Appui pour la Formation et ses Technologies), das EPFL-Forschungszentrum auf dem Gebiet der neuesten Technologien im Bereich des Lernens. Neben einer Multimedia-Buchhandlung und dem EPFL-Shop steht den Studierenden ein Karrierezentrum zur Verfügung. Das Angebot wird ergänzt durch einen Mehrzwecksaal für 600 Personen, Cafés, ein Restaurant und diverse andere Einrichtungen. Dass die Marke Rolex dem Zentrum ihren Namen gab, hängt mit dem Sponsorenengagement des Edeluhrenherstellers zusammen. Es ist eine alte Tradition des Hauses Rolex, die Bereiche Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur zu unterstützen. Zahlreiche EPFL-Absolventen sind bei dem Hersteller in Forschung, Entwicklung, Fertigung und Informationstechnologie beschäftigt. Weitere Unternehmen haben das 110 Millionen Schweizer Franken teure Projekt gefördert, so beispielsweise Logitech, Bouyges Construction, Credit Suisse und Novartis.

Das unverwechselbare und einzigartige Merkmal dieses neuen Zentrums aber ist seine Architektur. Die Architekten von SANAA unter der Leitung von Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa dachten zunächst daran, die Gebäudeinhalte und -funktionen in konventioneller Art in einem Turm zu stapeln. Das Konzept als Treffpunkt der Studierenden und deren Kommunikation verlangte aber nach einer Lösung, die diese Anforderungen besonders fördern sollte. So entwickelten die Architekten eine Art Gebäudelandschaft, bei der alle Inhalte und Funktionen in einem Raum und auf einer Ebene angesiedelt sein sollten. So entstand eine Topografie mit Hügeln und Tälern, mit Innenhöfen, das Innen und Außen wirken miteinander verweben. Die Betonschalen der Decke und des Bodens schwingen wellenförmig auf und nieder. Im Inneren gibt es keine Wände, sondern die einzelnen Bereiche sind durch Hügel und Plateaus voneinander abgegrenzt, eigens entwickelte Schrägaufzüge – hier „horizontale Aufzüge“ genannt – überwinden die Höhenunterschiede. In die mehr als 20.000 Quadratmeter Grundrissfläche sind vierzehn Öffnungen als verglaste Innenhöfe eingeschnitten. Von den höher gelegenen Raumbereichen öffnen sich wunderbare Ausblicke auf den Genfer See und die Alpen. „Wir haben uns gefragt: In was für einem Raum halten sich zahlreiche Menschen gerne auf, die gleichzeitig unterschiedlichen Aktivitäten nachgehen? Nachdem wir die endgültige Form gefunden hatten, ließen wir uns von den Treppen und Rampen der Stadt Lausanne und der schweizerischen Landschaft inspirieren, um zu verstehen, wie sanfte Schrägflächen benutzt und als angenehm erlebt werden können“, sagen die Architekten Sejima und Nishizawa. Für die Bauausführung stellte die Konstruktion der dreidimensional geformten Ober- und Unterschale eine besondere Herausforderung dar. Unzählige Simulationen waren bis zur endgültigen Berechnung notwendig, absolute Genauigkeit bei der Ausführung war gefordert. Deshalb mussten beispielsweise die 2,5 mal 2,5 Meter großen Betonschalungen per Laser geschnitten und mit Hilfe von GPS-Technologie vor Ort montiert werden. Auch der Energiehaushalt wurde in aufwendigen Computersimulationen berechnet, um das Ziel des Niedrigenergieverbrauchs zu erreichen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, denn das Rolex Learning Center wurde mit dem begehrten Minergie-Label ausgezeichnet, das in der Schweiz an besonders umweltfreundliche Gebäude verliehen wird. Das Neuartige an der architektonischen Konzeption des Rolex Learning Centers beschreiben die Architekten wie folgt: „Das Betreten oder Verlassen eines Raumes oder das Lernen am Arbeitsplatz kann eine architektonische Erfahrung sein, aber eine Schrägfläche zu überqueren oder sie mit dem Schräglift zu erklimmen, könnte eine Erfahrung sein, die eher an das Besteigen eines Hügels draußen erinnert. Die durch die Architektur geschaffene Topografie wird außerdem architektonische Erfahrungen auslösen, die man in herkömmlichen Gebäuden nicht macht. Wenn man auf dem Hügel steht, sieht man den nächsten Hügel vielleicht nicht, hört aber gedämpfte Stimmen, oder man sieht den anderen Ort möglicherweise nicht, aber der eigene Körper spürt die Verbindung zu einem anderen Raum. Im Gegensatz zu traditionellen Einraum-Gebäuden werden sich neue Beziehungen ergeben, und wir hoffen, dass dadurch eine neue architektonische Erfahrung entsteht.“ Auf die Erfahrungen, die mit diesem Konzept gemacht werden, darf man gespannt sein. Grundsätzlich kann darüber nachgedacht werden, ob solche räumlich topografischen Lösungen auch in die Arbeitswelt unter bestimmten Voraussetzungen und Anforderungen übertragbar sind. Niemand weiß bisher so recht, wie wir morgen leben und arbeiten werden. Umso wichtiger sind unkonventionelle Ansätze, die neue Sichtweisen eröffnen. „Bauen bedeutet Gestaltung von Lebensvorgängen,“ sagte Walter Gropius im Jahr 1927. Da sich im Jahr 2010 die Lebensvorgänge gewaltig verändert haben, müssen wir dies auch von der Architektur erwarten. W.O.Geberzahn Weitere Informationen: http://www.rolexlearningcenter.ch http://www.rolexlearningcenter.ch http://www.archtracker.com/rolex-learning-center-sanaa/2010/03/ http://www.archtracker.com/rolex-learning-center-sanaa/2010/03/

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10.03.2010 - Design & Architektur

Architektonischer Schwung für die Forschung

Dass die Schweiz jenseits von Schokolade, Uhren und Chalets noch gute Architektur zu bieten hat, ist den meisten bekannt. Schweizer Architekten von Fritz Haller über Peter Zumthor bis Herzog/de Meuron genießen Weltruf. Jetzt haben aber ausgerechnet Japaner das Rolex Learning Center an der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne gebaut – ein Gebäudekomplex, der in seiner architektonischen Einzigartigkeit neue Möglichkeiten des Raumerlebens inszeniert. Das japanische Architekturbüro SANAA gewann im Jahr 2004 den Architekturwettbewerb, im Februar 2010 wurde das Zentrum eröffnet.

Das Rolex Learning Center als Teil der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne beherbergt unter anderem eine der europaweit größten Bibliotheken wissenschaftlicher Literatur mit mehr als 500.000 Bänden. Diese gigantische Sammlung wird ergänzt und verwaltet durch neueste pädagogische Technologien und Informationszugänge. Per RFID (Radio Frequency Identification) können die Medien besonders einfach entliehen werden. Den Studenten steht eine Arbeitszone mit 860 Plätzen zur Verfügung. Außerdem gibt es das CRAFT (Centre de Recherche et d'Appui pour la Formation et ses Technologies), das EPFL-Forschungszentrum auf dem Gebiet der neuesten Technologien im Bereich des Lernens. Neben einer Multimedia-Buchhandlung und dem EPFL-Shop steht den Studierenden ein Karrierezentrum zur Verfügung. Das Angebot wird ergänzt durch einen Mehrzwecksaal für 600 Personen, Cafés, ein Restaurant und diverse andere Einrichtungen.

Dass die Marke Rolex dem Zentrum ihren Namen gab, hängt mit dem Sponsorenengagement des Edeluhrenherstellers zusammen. Es ist eine alte Tradition des Hauses Rolex, die Bereiche Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur zu unterstützen. Zahlreiche EPFL-Absolventen sind bei dem Hersteller in Forschung, Entwicklung, Fertigung und Informationstechnologie beschäftigt. Weitere Unternehmen haben das 110 Millionen Schweizer Franken teure Projekt gefördert, so beispielsweise Logitech, Bouyges Construction, Credit Suisse und Novartis.

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